Hasta la vista, Autobahn

Madrid setzt stadtplanerische Akzente und untertunnelt die Innenringautobahn. Über neugewonnene Freiräume der spanischen Metropole berichtet Mag. Jan Marot
„Paso a paso“, Schritt für Schritt, wie die Spanier sagen, „pero sin pausa“, aber pausenlos, setzt sich Europas drittgrößter Ballungsraum über eine dereinst in den 1960er-Jahren für die motorisierte Mobilität selbstauferlegte Grenze hinweg. Über Dekaden markierte ein zentrales Teilstück der inneren Stadtringautobahn M-30 eine unüberwindbare Barriere für die Stadtplanung.
Grauer Beton, beiderseits der Ufer des Río Manzanares, verdeckte auf der Höhe des Königspalastes und seiner Gärten den Blick auf die Stadt undzumvis-à-vis liegenden königlichen Jagdrevier und den reanimierten königlichen Obstgärten. Für eine Rückeroberung der Ufer taucht der Verkehr jetzt beim Stadion Vicente Calderón des diesjährigen Europa- League-Finalisten Atlético Madrid ab, um sechs Kilometer später am Knoten Süd wiederaufzutauchen. Insgesamt sind 43 Kilometer Tunnel fertiggestellt – zumeist überplattete Trassen. Geplant ist auch, alle M-30-Zubringer zu überdachen.
Das knapp vier Milliarden Euro teure Projekt lässt tatsächlich neue Lebensräume entstehen. Der Fluss, an dessen einst verwildertenUfern das Volksfesttreiben von Francisco de Goya in La Pradera de San Isidoro auf Leinwand gebannt wurde, rückt wieder in den Mittelpunkt des Stadtlebens. Eine Vision eines „grüneren“ Madrid für das 21. Jahrhundert nimmt als M(adrid)rió Gestalt an.
Federführend für die Umsetzung des Prestigeprojekts des Langzeitbürgermeisters Alberto Ruíz Gallardón zeigte sich das Rotterdamer Architekturbüro West8 um Adriaan Geuze. Im Wettbewerb gegen Herzog & deMeuron, Toyo Ito und Dominique Perrault überlegen, setzen sie nun auf dem 120 Hektar großen Areal mit den lokalen Partnern von Mrio Arquitectos ihren Masterplan für eine neue grüne Lunge dreier Bezirke und mehr als 500.000 Menschen um. Organisch wie artifiziell mutet die Formensprache des Landschaftsarchitekten Edzo Bindels von West8 an. Die Preisträger des International Urban Landscape Award für die Umgestaltung der Hamburger Exmilitärkaserne Lettow Vorbeck (2009) waren im selben Jahr mit dem Manzanares- Uferpark unter den Nominierten für den Conde Nast Traveller Innovation and Design Award. 2007 erhielten sie den Zuschlag für die Umgestaltung des Governors Island in New York.
Geradelt oder gejoggt wird nun über der Autobahn. Diese liegt 1,5 Meter unter dem Erdreich, dem Wurzelvlies und eineinhalb Meter Beton, für Bindels „ein Pflanzentrog“. Der Salon de Pinos darüber ist ein Skulpturengarten mit über 10.000 eigenwilligen Pinien, die für Iberiens öffentlichen Raum die essenzielle Schattenfrage klären. Angepasst an das extreme Klima Madrids, sind sie ideal wegen ihrer geringen Wurzeltiefe. Teilweise sind sie schräg gepflanzt und zum Fluss geneigt. Die an Stierhörner erinnernden knallroten Stützen bieten Halt. „Es sind die singulären Reize, die man unterstreichen muss“, ist Bindels überzeugt: „Landschaftsarchitekten träumen von wilden Unikaten, doch in der Baumschule gibt es nur langweilige Pflänzchen.“
Für die Verknüpfung der Ufer errichtet West8 sechs Betonbrücken. „Allesamt selbsttragende Konstruktionen, teilweise nur 25 Zentimeter dick“, sagt Projektmanager Christian Dobrick. Darunter die Puente Cascara (Schalenbrücke), die an einen Walfischmund erinnert und die Puente Oblícuo, die „Schräge“, wo man sich aus Gründen der Kosteneffizienz der Substanz der alten, geschwungenen Autobahnbrücke bediente und den Salon de Pinos weiter drüberspazieren lässt. „Hier gehen nicht nur Menschen über die Brücke, sondern auch die Bäume“, sagt Bindels.
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Kommentare (3)
Re: Hasta la vista, Autobahn
@gaisbock: da ist was dran, es löst das Grundproblem nicht, wird nur ne schöne Fassade übergezogen, was ja die Politik grundsätzlich gerne macht, wenn man die Armut bei uns sieht.
Re: Hasta la vista, Autobahn
AUS DEM AUGE
AUS DEM SINN ?
Re: Hasta la vista, Autobahn
eigentlich ist die Idee total gut, die Autobahn zu untertunneln, für eine Großstadt sicher eine ordentlich Entlastung und Erleichterung.