Als bösen Treppenwitz der Geschichte kann der 1921 geschlossene russisch-iranische Vertrag gegen Großbritannien angesehen werden. Denn 20 Jahre später, am 25. August 1941, war er plötzlich nichts mehr wert, als die Sowjets und Briten den Iran okkupierten. Später schlossen sich die USA der Operation „Countenance“ an.

von Pjotr Romanow, RIA Novosti
Einige Historiker glauben, dass die heutzutage kaum noch erwähnte Invasion in den Iran große Folgen für die Welt hatte. Denn ausgerechnet in Iran, noch lange vor Winston Churchills Rede in Fulton, wurden die ersten Samen des Kalten Kriegs gesät.
Gründe und Vorwände
Der formelle Grund für den Truppeneinmarsch in den Iran wurde der Schutz der iranischen Ölfelder vor der Wehrmacht und der Nachschublinie für die Sowjetunion.
Das war ein wichtiges Argument, aber die Alliierten machten sich viel mehr Sorgen um die Sympathien des iranischen Regimes von Reza Pahlavi für die Deutschen. Sie fürchteten, dass sich die Iraner auf die Seite der Deutschen schlagen. Deshalb verhandelten Moskau und London im Juli 1941 über eine Invasion, kurz nachdem die Hitler-Truppen die Sowjetunion angegriffen hatten. Als Reza Pahlavi weigerte, den britischen und sowjetischen Truppen in den Iran einzumarschieren, entschied sich die Frage fast von selbst.
Welche juristischen Gründe London für die Operation „Countenance“ geltend machte, ist unklar (vielleicht hat es danach nicht einmal gesucht, denn der Zweite Weltkrieg war für die Briten Grund genug, in den Iran einzumarschieren). Moskau begründete seine Beteiligung an der Invasion mit dem sechsten Punkt des Vertrags mit Teheran aus dem Jahr 1921. Demnach durfte die Sowjetunion ihre Truppen in das Nachbarland im Falle einer Gefahr für ihre Südgrenzen einführen.
Ironie des Schicksals: Vor 20 Jahren waren Moskau und Teheran daran interessiert, dass die Briten Persien verlassen. Natürlich war der erwähnte sechste Punkt des Vertrags für die Sowjets vorteilhaft, aber auch sie gaben den Iranern viel. Sie übergaben den Iranern die Eisenbahn, eine Bank, einen Hafen am Kaspischen Meer sowie Schiffe und eine Telegraphenleitung. Zudem bekam der Iran mehrere Inseln im Kaspischen Meer.
20 Jahre später bereuten die Iraner ihre Vereinbarung mit den Russen.
Militärisch wurde die Operation „Countenance“ schnell am 17. September abgeschlossen. Die Verbündeten trugen dabei keine großen Verluste. Kurz nach dem Truppeneinmarsch kam es in Persien zum Machtwechsel. Der neue Premier Ali Foroughi ordnete die Einstellung des Widerstandes an.
Am 8. September 1941 wurde ein Abkommen über die Stationierung der Alliierten in Iran unterzeichnet. Den Briten gehörte damit der Süden und den Sowjets der Norden des Landes. Damit kontrollierten sie die Aktivitäten der Türkei. Außerdem entstand in den nördlichen Gebieten de facto ein autonomes Gebiet, in dem vor allem Aserbaidschaner lebten.
Lend-Lease-Act und die Teheraner Konferenz
Dank der Okkupation des Irans wurde eine zuverlässige Nachschublinie für die Sowjetunion eingerichtet.
Außerdem wäre es ohne die Operation „Countenance“ nie zur Teheraner Konferenz im Jahr 1943 gekommen, auf der das erste Treffen des sowjetischen Staatschefs Josef Stalins mit US-Präsident Franklin Roosevelt und dem britischen Premier Winston Churchll stattfand. Allerdings hätte das Treffen auch an einem anderen Ort abgehalten werden können.
Allerdings hatten sich die Verbündeten dabei schwer getan, auf die Schnelle einen Austragungsort für die Konferenz zu finden. Iran erwies sich logistisch als der am meisten geeignete Ort für das Treffen. In Teheran einigten sich Stalin, Roosevelt und Churchill über die Eröffnung der „zweiten Front“ und über viele andere wichtige Fragen.
Begann der Kalte Krieg in Teheran?
Nicht ausgeschlossen werden kann auch, dass die Teheraner Konferenz der Ausgangspunkt des Kalten Kriegs war, obwohl in diesem Kontext die bekannte Churchill-Rede in Fulton (US-Bundesstaat Missouri) im März 1946 erwähnt wird.
Damals warf Churchill dem früheren Verbündeten vor, die ganze Welt unter Kontrolle nehmen zu wollen. Stalin reagierte wütend auf den Vorwurf.
Der sowjetische Machthaber beschimpfte Churchill und die Amerikaner als Kriegstreiber und verglich sie mit den Nazis. Viele Experten sind sich einig, dass Stalins scharfe Replik und weniger Churchills Fulton-Rede mehr Eindruck im Westen hinterlassen hatte.
Aber trotz ihrer politischen Stärke konnten Stalin und Churchill nicht die ganze Welt über Nacht in den Kalten Krieg versetzen. Das war ein längerer Prozess. Der frühere iranische Schah Mohammed Reza Pahlavi war beispielsweise überzeugt, dass der Kalte Krieg noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen hatte. „De facto brach der Kalte Krieg im Iran aus“, schrieb er in seinen Memoiren.
Teilweise hatte er Recht. In Teheran kam es zwischen den Alliierten zu den ersten großen Widersprüchen. Alle wollten ihre Positionen in der ölreichen Region festigen. Während der Okkupation waren dort sowohl sowjetische als auch britische und amerikanische Experten tätig.
Die Iran-Krise von 1946 zeigte deutlich, wie schwierig sich die Nachkriegszeit gestalten sollte. Offensichtlich war auch, dass vom Abzug der sowjetischen Kräfte aus Persien Washington und London profitieren würden, weil sich die Iraner auf sie verließen.
Der Druck auf Moskau wurde immer größer. Letztendlich entschied sich Stalin für den Truppenabzug, um weitere Spannungen zu vermeiden.
Die Krise wurde geregelt, allerdings auf Kosten Moskaus. Nachdem die sowjetischen Soldaten den Iran verlassen hatten, annullierte Teheran die früheren Vereinbarungen mit Moskau, so dass es das iranische Öl und die aserbaidschanische Autonomie in Persien abschreiben musste.
Es war im Grund die erste Niederlage der Sowjetunion im Kalten Krieg.
Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.
